Im ersten Stock eines offenen Doppeldeckerbusses erkunden wir die Stadt. Das Wetter ist perfekt, die Sonne strahlt vom Himmel, aber es ist trotzdem nicht heiß. Bei der Abfahrt zieht ein großer Raubvogel (vielleicht ein Adler?) über uns seine Kreise und nutzt den an den Häusern entstehenden Aufwind.
Die erste Runde, die fast 2 Stunden dauert, führt uns durch Miami Beach. Hier stehen wunderschöne Art Deco Häuser aus den 1920ern. Die Gebäude sind denkmalgeschützt, die Fassade darf nicht verändert werden. Bei Umbauarbeiten bleibt also die Hülle stehen und wird durch ein neues Innenleben ergänzt. Das hat auch überraschende Nebeneffekte: Mit der Fassade müssen folglich auch die Namen der alten Hotels erhalten bleiben. So steht zum Beispiel beim Walgreens Supermarkt „Ritz Carlton Hotel“. Das gilt aber nur für einen kleinen Bereich der Stadt. Überall sonst müssen alte Gebäude den neuen weichen und werden ohne Sentimentalität abgerissen. Wir sehen sogar die Überreste einer Methodistenkirche, hinter der schon eifrig gebaut wir.
Miami Beach atmet (zumindest für amerikanische Verhältnisse) Geschichte. Wir erfahren unter Anderem, dass hier Elvis Presley und Frank Sinatra aufgetreten sind oder dass Jennifer Lopez hier ihren ersten Mann kennengelernt hat.
Miami hat sich erst vor einem guten Jahrhundert entwickelt. 1896, in dem Jahr, als meine Urgroßmutter zur Welt kam, wurde es mit knapp 300 Einwohnern zur Stadt erklärt. Bewohnt wurde die Gegend natürlich schon zuvor von Indianern, denen die Stadt auch ihren Namen verdankt: „Mayaimi“ bedeutet in ihrer Sprache „das große Wasser“.
Es ist einer Frau namens Julia deForest Tutte zu verdanken, dass die Stadt zu dem wurde, was sie heute ist. Sie überzeugte Henry Morrison Flagler, einen der damals tonangebenden Eisenbahntycoons, eine Banhstrecke in das damalige Brachland in Florida zu bauen. Der Legende zufolge tat sie das, indem sie ihm mitten im Winter eine frische Orangenblüte schickte. Eine ebenfalls beigefügte Schenkungsurkunde über 30.000 Hektar Land mag das ihrige dazu beigtragen haben.
Der erste Versuch, ein Geschäft mit dem Land zu machen, hat mit Avocados zu tun. Einer der Geschäftsleute hatte die Idee, Avocadobäume zu pflanzen. Leider wurden diese immer wieder von den heftigen Stürmen geknickt. So kam man auf die Idee, Pinien aus Australien zu importieren und sie als Windschutz aufzustellen. Das funktionierte perfekt. Heute erinnert noch der „Pine Drive“ an diese Zeit.
Überhaupt nahm man es damals mit ortsfremden Pflanzen offenbar nicht so genau. Auch die Palmen, die nicht nur in meiner Vorstellung untrennbar zu Miami gehören, stammen ursrprünglich aus Ägypten. Die Geisteshaltung hat sich inzwischen deutlich geändert. Bei der Einreise mahnen Warnschilder die Passagiere eindringlich, sein Gepäck auf mitgebrachte Pflanzen oder pflanzliche Produkte zu überprüfen und im Falle des Falles mit einem „agricultural officer“ Kontakt aufzunehmen.
In Österreich würden wir stattdessen „Bauer mit Uniform“ sagen.
Leider waren Avocados zu jener Zeit kein gutes Geschäft. Aber auch dafür fand sich eine Lösung: der gute Mann gab die Früchte als Krokodileier aus uns schon boomten die Verkäufe…
Dass auch heute noch das große Geld in Miami zuhause ist, sehen wir unterwegs auch. Auf der anderen Seite eines schmalen Kanals stehen beeindruckende Villen. Sänger wie Justin Bieber oder (eher unsere Geration) Julio Iglesias besitzen hier Anwesen. Auch Sportler wie André Agassi oder bekannte Schauspieler wohnen hier. Der Onkel von Elizabeth Tayloer besaß hier ebenso ein Gebäude wie der berüchtigte Al Capone. Die Villa von Iglesias ist übrigens leicht an ihren Orangen Fassadenteilen zu erkennen. Eins der Häuser gefällt unserem Tourguide besonders: Sie besitzt eine Rutsche, die direkt vom Schlafzimmer in den Pool führt. Ich bin schon am Planen für daheim…
Eine lange Brücke verbindet die vorgelagerte Insel Miami Beach mit dem Festland. Hier weht uns die kräftige Meeresbrise ungebremst von Gebäuden um die Ohren. Lukis Haare wehen beeindruckend im Wind.

Auf unserer Fahrt kommen wir in den Stadtteil Wynwood. Er ist bekannt für seine aktive Kunstszene. In den 1980ern begannen hier Straßenkünstler, leerstehende Gebäude mit Sprayfarben zu bemalen. Heute ist daraus eine feste Einrichtung geworden, jedes Jahr kommen international bekannte Fassadenmaler und erschaffen neue Werke. Die Bilder sind wirklich prächtig gelungen. Der Platz auf dieser Webseite reicht nicht einmal annähernd aus, um alle zu zeigen, die mir so gut gefallen haben.
Von den Wohngebieten mit den alten einstöckigen Häusern biegt der Bus ab zur neuen Skyline mit den vielen neu gebauten Wolkenkratzern. Die Aussicht in den Apartment muss atemberaubend sein, genau so wie die Preise dafür. Der Tourguide erzählt von einem der Penthäuser, in denen der Quadratfuß (also etwa 1/10 Quadratmeter) knapp 15.000 Dollar kostet. Überall wird gebaut. Die lange Reihe blitzender Fassaden erinnert mich an die Eiswand in „Game of Thrones“.
Gegensätze prägen die Stadt. Einerseits durchschneiden breite Autobahnen das Wohngebiet, andererseits gibt es eine Hochbahn mit führerlosen Kabinen, die man gratis benutzen kann. Einerseits ist das Automobil allgegenwärtig, andererseits werden hier mehr Elektroautos als sonstwo in den USA gekauft. Einerseits wachsen überall für Normalbürger unbezahlbare neue Apartments aus dem Boden, andererseits schlafen in Sichtweite von Luxusgeschäften Menschen in schmutzige Decken gehüllt am Boden, die meisten von ihnen sind schwarz.
Mittagspause machen wir an der Bayfront. An der Einfahrt zum Park begrüßt uns ein überdimensionaler Christbaum, der für unsere Augen in der Wärme sehr deplaziert wirkt. Dahinter befindet sich ein Hafen für unzählige Segelboote und der Ausgangspunkt für Rundfahrten mit dem Boot. In der Ferne können wir die riesigen Kräne des Containerhafens sehen. Es war hier, wo in der TV-Serie „Miami Vice“ Sunny Crocket auf einem Boot gemeinsam mit seinem Alligator Elvis gelebt hat.
Am Pier hat man ein langgestrecktes Einkaufszentrum mit unzähligen Geschäften für Touristen errichtet. Wir nehmen einen kleinen Imbiss und spazieren durch die Mall. Kerstin entdeckt einen Disney Store und hat Spaß darin.
An einer Stelle am Pier kann man ein Küberl mit Fischen kaufen, mit denen man dann beeindruckend große Tarpone füttern kann (das sind Fische, die 80 Jahre alt und zweieinhalb Meter lang werden können). Zuerst glauben wir, dass diese Tiere hier gefangen gehalten werden, aber sie kommen freiwillig, weil sie von den Touristen so gut mit Futter versorgt werden.
Kira ist begeistert. Sie füttert die großen Fische und streichelt sie sogar ganz kurz. Ich habe beschlossen, nur Tiere mit Fell zu streicheln und so verzichte ich darauf.
Ein Pelikan schwimmt wenige Meter daneben vorbei und bleibt von unserer Begeisterung vollkommen unbeeindruckt.
Im zweiten Teil unserer Rundfahrt sehen wir uns die Innenstadt von Miami an. Hier steht die alte Freedom Hall, ein Haus mit einem hübschen mehrgeschoßigen Turm. Das Gebäude war das erste Hochhaus der Stadt. Heute wirkt es fast winzig vor den blitzenden neu errichteten Wohntürmen, die es von allen Seiten umschließen.
Mir fällt auf, dass die allgegenwärtige amerikanische Flagge an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast weht. Das sei wegen des unlängst verstorbenen Präsidenten George Bush Senior der Fall, erklärt der Tourguide, es herrsche 30 Tage Staatstrauer.
Auch in diesem Teil der Stadt gibt es mit dem Coconut Grove eine sehr exklusive Wohngegend. Beeindruckende Villen mit ebenso beeindruckenden Auffahrten säumen die Straße, die von großen alten Bäumen begrenzt wird. Diese Bäume machen diesen Teil der Fahrt spannend: Die Äste hängen tief und nicht nur einmal werden wir von den Blättern gestreift. Aufzustehen, um ein Foto zu schießen, ist undenkbar, das wäre tatsächlich lebensgefährlich. So ducken wir uns jedesmal reflexartig, wenn wir wieder unter einem Baum durchfahren und hören die Äste knapp über unsere Köpfe durch die Luft zischen. Der jungen Frau neben uns gefällt das königlich und sie lacht von Herzen. Ich ducke mich lieber. Lachen tu ich dann später.
Die Fahrt führt uns auch nach Little Havanna. In Miami leben rund 2 Millionen Menschen kubanischer Abstammung. Spanisch hört man an jeder Ecke. Der Freedom Tower heißt deshalb so, weil nach der Kubakrise tausende geflüchtete Menschen hier bei der Einreise in die USA registiert wurden.
Wir sehen dutzende etwa mannshohe Figuren von Hähnen, die unterschiedlich bemalt und ausgestattet an verschieden Stellen von Little Havanna stehen. An der Endstation der Bustour laufen sogar ein paar lebendige Hühner frei herum. Leider erfahren wir nicht, was es genau damit auf sich hat.
Das Lebensgefühl in diesem Stadtteil scheint entspannt zu sein. Wir sehen einen Platz mit vielen Tischen, an denen die Menschen miteinander Domino spielen. Leider fehlt uns die Zeit für einen ausgedehnten Bummel durch Little Havanna und wir lassen uns vom Bus wieder nach Miami Beach bringen.
Auf der Brücke sehen wir zu unserer Rechten den Hafen mit den Kreuzfahrtschiffen. Hier arbeiten 50.000 Menschen, wie uns der Guide erklärt. Die Schiffe sind unsympathisch groß, fast wie die Hochhäuser von vorhin. Schwimmende Städte mit mehr Menschen an Bord als eine österreichische Kleinstadt Einwohner hat. Angeblich, so unser Guide, läuft das Geschäft mit den Kreuzfahrten nicht mehr so gut wie früher und man hat gute Chancen auf ein Schnäppchen.
Ein Schwarm von zwei Dutzend Pelikanen zieht in V-Formation über unsere Köpfe.
Nur ein kurzes Stück vom Hotel entfernt verlassen wir den Rundfahrtbus. Zunächst wollen wir einander noch zum Abendessen treffen, aber dann sind wir allesamt doch zu müde.
Der Tag war anstrengend, Wind und Sonne haben uns ausgetrocknet und die Anreise steckt uns wohl auch noch in den Knochen. So ordne ich lieber noch die knapp 500(!) Fotos, die ich heute geschossen habe, klopfe meine Erinnerungen an den Tag in den Computer und werde mich am Abend meiner Reiselektüre widmen.