Was da so kreucht und fleucht (Key West, Dienstag 25.Dez. 2018)

Ein Schild erregt unsere Aufmerksamkeit: ein Schmetterlingshaus. Wir gehen rein. Hinter der Holzfassade befindet sich ein unerwartet großes Glashaus mit tropischen Pflanzen. Überall flattern prächtige Falter. Besonders schön finden wir die Dunkelblauen. Sie sind sehr schwierig zu fotografieren… aber dafür setzt sich einer direkt auf mein Objektiv und bleibt ein paar Sekunden dort sitzen.

Zwischen den Schmetterlingen und den Pflanzen leben auch noch Vögel im Glashaus. Die grünen haben ein freches Schöpfchen und blicken aufmerksam die Besucher an. Kleine Wachteln wuseln am Boden zwischen den Beinen der Gäste. Im Zentrum ist ein kleiner Teich, in dem zwei zuckergussrosa Flamingos majestätisch herumschreiten und die Köpfe tief ins Wasser stecken. Kira und Kerstin sind begeistert, sie lieben beide Flamingos.

 

Am Nachmittag besuchen wir zuerst das Fort Taylor direkt am Meer. Danach sind wir müde, hungrig und durstig. Im Auto haben wir ein paar Jausenbrote mitgebracht, die wir zur Aufmunterung verzehren. Als nächstes wollen wir ins Hemingway Haus. Der Dichter ist uns wurscht, aber es soll dort Katzen geben, die aufgrund einer Mutation sechs Krallen an den Pfoten tragen.

Die lange Warteschlange lässt uns die Lust auf Haus und Katze vergehen. Stattdessen weiß Doris was Anderes: Am Friedhof, so hat sie in einem Reiseblog gelesen, sollen Chamäleons auf den Gräbern sitzen. Das wollen wir sehen!

Wir parken vor dem schmiedeeisenen Zaun und gehen hinein. Der Friedhof ist ziemlich hässlich. Die Grabstätten sind groß und größtenteils geschmacklos. Sie bestehen aus betonierten Platten und kleinen, massigen betonierten Grabsteinen. Ein paar wenige Gräber sind mit Figuren verziert. Blumenschmuck findet man kaum. Dafür laufen wieder Hühner zwischen den Gräbern umher.

Gleich am ersten Grab entdecken wir kleine Eidechsen mit lustig geringelten Schwänzen. Flink huschen sie über die Grabsteine und verweilen nie lange auf einer Stelle. Und dann fällt uns der erste Leguan auf, ein muskulöser bunter Drache im Miniaturformat. Wobei „Miniatur“ relativ ist, der gedrungene Körper ist bestimmt einen halben Meter lang. Normalerweise tragen diese Tiere ebenso lange Schwänze, aber dieser hier scheint seinen im Kampf oder auf der Flucht abgeworfen zu haben und trägt nur ein kurzes Schwänzchen mit sich herum. Das verleiht dem sonst so eleganten, fast majestätischen Tier etwas Lächerliches.

Der Leguan hört uns und ergreift die Flucht. Schwupps! und schon ist er unter einer Grabplatte verschwunden. Nach ein paar Minuten lugt er vorsichtig heraus, ob die Luft schon wieder rein ist.

Wir machen ihm die Freude und gehen. Auf der Heimfahrt halten wir noch an der alten rostigen Brücke. In den Gezeitetümpeln finden wir kleine Fische und Schwämme. Doris sammelt schneeweiße Muscheln.

Das Wetter schlägt um. Die Sonne, die uns zu Mittag noch ordentlich schwitzen ließ, versteckt sich hinter einer grauen Wand.

Zuhause bei Captain Pip’s angekommen, kochen wir unser Festtagsmahl. Wir haben Süßkartoffeln und Steaks besorgt, die allerdings nur zum Teil mürbe sind. Das größte Steak ist zäh geraten. Als Nachspeise haben wir uns den berühmnten Key West Lemon Pie aus dem Supermarkt besorgt. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Stattdessen trösten wir uns mit einem großen Becher Eggnog. Zuerst wollen wir noch etwas spielen, aber nach dem Essen sind wir alle schon zu müde. Wir verabreden uns für den Mittwoch zum Frühstück und planen kurz, was wir unternehmen wollen, wenn wir unsere Fahrt nach Norden beginnen.

Fliegende Schweine im Bikini

Gleich neben unserem Quartier gibt es eine strohgedeckte Taverne namens „Porky’s“. Einfach, rustikal, deftig.

Wie es Andreas so schön ausdrückt: „Bei einem Lokal, das fliegende Schweine im Bikini am Plakat hat, kann man nichts falsch machen!“.

Wir beschließen, unser Weihnachtsessen heute hier zu machen und morgen selbst zu kochen, weil Porkys morgen geschlossen ist.

Doris bestellt ein Root Beer, weil sie neugierig ist, wie das wohl schmeckt. Das lässt sich mit einem Wort sehr schön beschreiben: Grauslich. Das Glas bleibt nach dem ersten Schlug unausgetrunken.

Wir bestellen Fisch und Gegrilltes. Ein sehr dicker Mann wälzt sich durch das Lokal auf die kleine Bühne. Seine Stimme überrascht uns. Sie wirkt sehr leicht und zart, gar nicht passend zum äußeren Erscheinungsbild. Der Mann interpretiert einige Klassiker auf erfrischend neue Art.

Am Nebentisch bestellen ein paar Damen Margeritas. Als sie gehen, schwanken sie bedenklich.

Auf den Nachtisch verzichten wir diesmal und begeben uns heim zur Bescherung.

Auflauf

Unruhe am Strand. Eine Menge Leute steht gestikulierend und diskutierend am Ufer, dort wo der schmale Kanal ins Meer mündet. Wir gehen nachsehen. Ein Motorboot steht bedenklich geneigt im Wasser. Gerade kraxeln eine Handvoll Passagiere über die Leiter in ein Schlauchboot. Sie müssen wohl auf eine Sandbank aufgelaufen sein.

Jeder am Strand ist Experte für den Fall und gibt seine Theorie zum besten, wie man das Schiff wieder flott kriegt. Währenddessen tuckert ein kleiner Kahn heran und befestigt Leinen am festgefahrenen Boot.

Motoren heulen auf. Es gibt ein hässliches kratzendes Geräusch. Das Boot neigt sich bedenklich zur Seite. Die Zuschauer kreischen auf. Noch ein lautes Schürfen und das Boot ist frei. Im Schlepptau des schwarzen Helferleins verschwindet es den Kanal hinauf langsam aus unserem Blickfeld. Die zurückgebliebenen Experten diskutieren noch lange kopfschüttelnd das Ereignis.

Den Heimweg säumen zahlreiche neu errichtete Gebäude, die entsprechend den neuen Vorschriften hochwassersicher auf Stelzen erbaut worden sind.

 

Sombrero Beach

Doris hat schon vor Monaten eine Webcam entdeckt, auf der ein Strand in Marathon zu sehen ist. Er ist klein, aber hübsch. Der Sand ist fein wie Staubzucker und auch genauso weiß. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen. Andreas und Kira geben sich der Illusion hin, etwas für die Uni tun zu können. Nach einer halben Stunde ist die passende Ausrede gefunden: bei dem Wind besteht die Gefahr, dass die Notizen davongeweht werden.

Kerstin hat lustige Weihnachtsverkleidungen mitgebracht. Ich setze einen Haarreif mit „hohoho“ auf. Es gibt noch Brillen mit weißem Bart und Santa-Mützen in dverschiedenen Größen. Wir machen Fotos, die wir am Abend verschicken werden.

Wir gehen es gemütlich an. Doris und ich machen einen kleinen Strandspaziergang. Wir haben uns ordentlich eingeschmiert, weil sich unsere Hautfarbe kaum vom weißen Sand abhebt und das auch so bleiben soll.

Ich will ins Wasser. Es ist… erfrischend. Beim ersten Versuch schaffe ich es bis zu den Knien. Beim zweiten Versuch tunke ich todesmutig bis zum Hals ein, zähle langsam bis 10 (also mir kommt es langsam vor) und das war’s mit meinem Bad im Atlantik.

Der Strand ist eingezäunt und nur bei Tageslicht geöffnet. Hinter dem Zaun dudelt die ganze Zeit die Werbemelodie eines Eisverkäufers. Ich zähle mit: 15 verschiedene Töne, eine weitere Wiederholung etwa alle 10 Sekunden. Ich gebe dem Fahrer des Wagens höchstens einen Tag, bevor er sich einen Hörsturz zuzieht. Kerstin holt für sich und Doris eine Art Cornetto.

Es ist kitschig schön. Azurblauer Himmel, türkis-grünes Meer, weißer Sand, Palmen. Die Luft hat geschätzt 20 Grad, im Schatten ist es fast ein wenig frisch. In der Sonne, die vom wolkenlosen Himmel lacht, schwitzt man sogar ein bisschen. Die Wellen sind kaum spürbar, ganz leise rauscht das Meer. Möwen kreischen. Der Wind lässt die Palmblätter rauschen.

Augen zu und genießen.

Turtle Hospital

Meeresschildkröten gehören zu den gefährdetsten Spezies unserer Zeit. Die Bedrohungen sind mannigfaltig. So kehren sie zum Beispiel zur Eiablage stets an denselben Strand zurück. Aber dieser ist oft verbaut worden und nicht mehr geeignet. Dann wurden die Tiere jahrzehntelang gejagt und fanden ihr Ende als Schildkrötensuppe in Dosen. Die Wasserverschmutzung setzt ihnen zu und führt zu hässlichen Geschwüren, die sie am Jagen hindern.

Das Plastik in den Meeren wird zum endgültigen Verhängnis. Einen Großteil ihrer Nahrung bilden Quallen, die fatal im Wasser treibenden Plastiksackerln ähneln. Frisst eine Schildkröte Plastik, dann hat das gleich mehrer lebensgefährliche Effekte. Einerseits bleibt der Müll unverdaut im Verdauungstrakt liegen und wird folglich aus nicht ausgeschieden. Das vermittelt der Schuldkröte das trügerische Gefühl, satt zu sein und sie frisst nicht mehr und wird nach einiger Zeit mit vollem Magen verhungern. Weiters führt die Verstopfung zu Blähungen und die Schildkröte treibt wie ein Korken am Wasser. Sie können nicht mehr nach Nahrung tauchen und sind ein weiteres Mal in Gefahr, zu verhungern.

Auch wenn sich das Bild einer fröhlich vor sich hin furzenden Schildkröte lustig anhört, ist es das keineswegs. An der Wasseroberfläche können sie Motorbooten nicht ausweichen und es geschieht oft, dass Tiere von Schiffschrauben schwere Verletzungen erhalten. Wenn sie sich dabei nicht das Rückgrat brechen und rasch zugrunde gehen, bilden sich beim Verheilen oft luftgefüllte Höcker im Panzer, die das arme Tier aus dem Gleichgewicht bringen und es ebenfalls am Tauchen hindern. Ein Paradebeispiel dafür ist Bubbleback Bob, den wir heute noch kennenlernen werden.

Das Tüpfelchen auf dem „i“ bildet die Tatsache, dass Meeresschildkröten weder Kopf noch Extremitäten in den Panzer einziehen können, so wie es Landschildkröten tun. Deshalb verheddern sie sich oft hilflos in Leinen oder Netzen. Auch wenn sie im Ruhezustand mehrere Stunden lang unter Wasser ausharren können, ohne Luft zu holen, werden sie in den Netzen oft zu spät entdeckt und ertrinken hilflos.

Die Rettung von Schildkröten in Not ist nicht ungefährlich. Je nach Art haben sie ziemlich kräftige Kiefer, die ihnen erlauben, dicke Muschelschalen zu knacken. Ein menschlicher Finger oder ein Arm sind für solche Beißwerkzeuge keine echte Herausforderung.

Seit die Tiere streng geschützt werden, hat man diverse Schutzeinrichtungen gegründet. Eines davon ist das renommierte Turtle Hospital in Marathon, nur wenige Minuten (Auto, nicht zu Fuß, wir sind in Amerika) von unserem Quartier entfernt.

Sarah ist eine Studentin aus dem fernen Colorado (sie vermisst den weihnachtlichen Schnee ebenso wie wir, die Kälte aber nicht, auch wie wir). Sie ist heute unser Tourguide. Aufgekratzt begrüßt sie uns und gibt uns eine Einführung. Wir lernen, dass es sechs verschiedene Arten von Meeresschildkröten gibt, die sich in Größe und Form unterscheiden. Auch über die Namensgebung hören wir mehr. Eine Art ist nach dem Habichtsschnabel benannt, dem sie ähneln. Der Lederrücken erklärt sich von selbst. Etwas schwieriger ist die Grüne Meeresschildkröte, deren Panzer ganz deutlich braun ist. Die Lösung: sie fressen so viel Grünzeug, dass sich die Farbe im Fleisch der Tiere anreichert.

Ein lustiger Grund führte zur Namensgebung der Loggerhead Turtle. Das sehr große hellbraun gefleckte Tier ähnelt aus der Ferne Treibholz („Log“). Die Fährleute hielten immer nach Hindernissen Ausschau und wenn einer einen Baumstamm entdeckte, rief er „Log ahead“ (Holz voraus).

 

Sarah erzählt, dass dank Sponsoren Tiere aus der ganzen Welt hierhergebracht werden. Wir gehen weiter und sehen den Operationsraum, in dem jeden Dienstag Behandlungen stattfinden. Heute hat man nur einen Patienten aus Plüsch am OP-Tisch drapiert.

Das Freigelände ist größer, als man von der Straße vermuten würde. Zahlreiche hellblaue runde Pools, die aussehen wie aus dem Baumarkt, sind entlang der großen betonierten Becken aufgereiht. Hier werden die Neuzugänge eine gewisse Zeit in Quarantäne gehalten und aufgepäppelt. Um sie auseinanderhalten zu können, werden sie am Rücken beschriftet.

Gerade ein paar Tage zuvor sind dreißig Lederrücken neu hereingekommen. Sie wurden von kalten Strömungen überrascht, die zu einer Art Kältestarre führen, in der sie nicht jagen können und somit die Gefahr des Verhungerns besteht. Hier, im wärmeren Wasser, fühlen sie sich sichtlich wohl.

In einem Trog liegt reglos eine weitere Patientin. Sie erhält eine Infusion zur Stärkung. Nach Verletzungen wird manchmal sogar eine Bluttransfusion erforderlich. Spender sind die Bewohner des großen Beckens, die so schwere Schäden erlitten haben, dass sie nicht mehr ausgewildert werden könnten.

Einer davon ist der zuvor genannte Bubbleback Bob. Die Beule an seinem Rücken ist beeindruckend. Etwas glänzt silbern. Ja, sagt Sarah, das sei ein Gegengewicht, das ihn in Balance halten soll. Wenn er wieder ein Stück gewachsen ist, wird er neu austariert und bekommt ein neues Ausgleichsgewicht verpasst. Ich stelle mir vor, ob das auch bei Menschen ein gutes Geschäft werden könnte. Vorne Bierbauch, hinten Bleigewicht. Ich muss nach der Heimfahrt mal mit einem Patentanwalt reden…

Es sind viele Familien mit Kindern hier. In den USA gibt es die Geschenke erst am Morgen des Christtages am 25.Dezember. Das heißt, die Kleinen müssen am 24. bei Laune gehalten werden. Besonders sticht uns eine ziemlich rundliche Familie ins Auge. Sie sehen aus wie drei Sumoringer auf Betriebsausflug. Wie wären wohl das perfekte Zielpublikum für meine Erfindung mit dem Ausgleichsgewicht.

Wir bekommen ein paar Futterbröckerl, die wir ins Becken werfen dürfen. Genussvoll platschend schnabulieren die Tiere das überraschende Mahl. Das Wasser, das sie mit schlucken, blasen sie durch die Nasenlöcher wieder aus.

Auf der Mole neben dem Gelände liegen träge Leguane in der Sonne und ignorieren uns mit der ihnen angeborenen Arroganz.

Wir kehren zurück in unser Quartier und machen uns bereit, an den Strand zu fahren.

 

 

 

Fahr ma!

Der Jetlag schlägt mit einem Tag Verspätung doch  noch zu. Ich habe fast bis Mitternacht gebloggt und die Fotos sortiert (wenn ich es nicht gleich mache, mache ich es nie). Und um halb vier bin ich wach. Ich rolle nach links, nach rechts, es hilft nichts. Ich probiere es mit Schäfchenzählen, aber nach einer halben Stunde sind die armen Tiere müde. Ich noch immer nicht. Also lese ich die News im Internet und beginne, meine Sachen zu packen. Wir beginnen nämlich heute unsere Rundreise.

Doris ist auch schon früh wach. Wir spazieren zum Strand und genießen einen farbenprächtigen Sonnenaufgang. Ein Schwarzer, der wohl hier im Freien lebt, sieht mich an und lacht: „Hey man, you’r looking like Eric Clapton“.

Nach dem Frühstück lassen sich Andreas, Lukas, Doris und ich zum Flughafen bringen, um die beiden Mietautos abzuholen. Unser Taxifahrer heißt Alexander und kommt aus der Ukraine. Er lebt schon 20 Jahre hier. Ich frage ihn, wie Uber das Geschäft beeinflusst und er schimpft heftig darüber. Alexander ist ein schlaues Kerlchen. Ob wir aus Wien kämen. Nein, sage ich, aus dem Süden von Österreich. „Ah, maybe Graz“, sagt er. Dann zählt er Österreicher auf, die er kennt. Zuerst natürlich Schwarzenegger (bei den Amis heißt er „Schworzenöggr“). Ich erzähle, dass ich Arnies Mutter gekannt habe und der Fahrer freut sich. Außerdem kennt er noch Red Bull und Conchita Wurst.

In der Mietwagenhalle begrüßt uns stilvoll ein Weihnachtsbaum mit Autobehang. Ruckzuck haben wir die Papiere und gehen zur Garage. Dort die erste Überraschung: Nur ich bin als Fahrer genannt. Die Dame am Schalter hat nicht nachgefragt, ob noch jemand fahren möchte. Die zweite Überraschung ist größer: Es ist nur ein Auto reserviert. Ich sehe nach und finde, dass das mein Fehler war. Es wären zwei Gutscheine abzugeben gewesen statt einer. So gehen wir zum Schalter in der Garage und lassen das ausbessern. Dort die dritte Überraschung: Am Voucher steht als Abholadresse gar nicht der Flughafen, sondern das Büro in Miami Beach. Gut, das hab ich jetzt aber wirklich nicht gewusst (oder vielleicht auch: nicht mehr, weil gebucht haben wir vor über vier Monaten).

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Währen wir warten, stürmt ein Amerikaner heran. Er ist fuchsteufelswild. Er versucht, seinen Mietwagen abzugeben, aber mangels ausreichender Beschilderung gelingt es ihm nicht. Ich bin ja auch grantig heute früh weil zuwenig geschlafen und lauter kleine Probleme, aber so bin ich hoffentlich nicht. Ich bedanke mich nach diesem Erlebnis auch entsprechend freundlich bei Yenifer und Gabriela, die unsere Papiere korrigiert haben.

Egal. Nach etwa 20 Minuten ist alles beisammen (wie wir in diesem Moment noch glauben) und wir wollen die Autos holen. Schon wieder eine Überraschung, diesmal angenehm: Je nach gebuchter Klasse darf man sich in einer bestimmten Reihe eins der vorhandenen Fahrzeuge aussuchen. Andreas trifft fast der Schlag, als er sieht, dass es auch mordstrumm Pickups für uns gäbe. Die Vernunft lässt ihn dann aber doch zu einem normalen PKW greifen. Doris und ich entscheiden uns für einen geräumigen Minivan mit sieben Sitzen, von denen sich drei (die hinterste Reihe) im Boden des Kofferraums versenken lassen. Die Autos sind blitzblank und haben sogar Ledersitze.

Lukas hat für die Kommunikation zwischen den Autos noch vor dem Abflug kleine Walkie-Talkies besorgt. Telefonieren ist hier sehr teuer für Europäer. Besonders die Daten kosten ziemlich hohe Roamingpreise: 100kB kosten 0,99 Cent. Das klingt nicht viel, aber pro Gigabyte wären das 99 Dollar. So haben wir die mobilen Daten schon bei der Ankunft ausgeschaltet und nutzen nur WLAN in Restaurants und unseren Unterkünften. Auch das Telefonieren lassen wir so gut wie möglich bleiben.

Bei der Ausfahrt notiert ein Angestellter, welches Auto man sich ausgesucht hat. Wir wollen schon fahren, als Lukas‘ Stimme aus dem Funkgerät kommt. Wir sollen warten, es gibt ein Problem mit den eingetragenen Fahrern. Es stellt sich heraus, dass nur auf dem Minivan alle vier Lenker eingetragen sind, auf dem PKW dagegen nur ich. Der Angestellte kratzt sich am Kopf, verlangt unsere Führerscheine und korrigiert das.

Bei strahlend schönem Wetter durchqueren wir zum letzten Mal Miami in Richtung Strand.

Wir holen Kerstin und Kira im Hotel ab, wo sie mit dem Gepäck geblieben sind. Der Portier, ein Schwarzer, verabschiedet sich vergnügt von uns und wünscht uns gute Reise. Er fröstelt trotz Pullover ein wenig, schließlich hat es nur 20 Grad. Er schüttelt lachend den Kopf, weil wir dagegen nur T-Shirts tragen.

Im PKW (es ist ein VW) fahren Andreas und Kerstin, im Minivan sitze ich abwechelnd mit Lukas am Steuer. Das Navi bietet uns zwei Strecken an. Wir wählen die blaue. An der ersten großen Highwaygabelung ist plötzlich Andreas aus dem Rückspiegel verschwunden. Seine Stimme krächzt aus dem Funkgerät. „Mein Navi hat mir die linke empfohlen“, sagt er. Meins hat rechts gesagt. „OK, dann treffen wir uns auf den Keys“, over and out.

Die Autobahn endet bald und weicht einer vierspurigen Straße, die sich endlos durch die Vororte Miamis zieht. Lauter Einfamilienhäuser, hin und wieder ein Supermarkt. Sogar einen Aldi sehen wir. Hin und wieder kommen wir auch an Trailerparks vorbei, in denen die weniger begüterten Leute zumindest ein Dach über dem Kopf haben.

Nach über einer Stunde lassen wir die Stadt endlich hinter uns. Neben der Straße breiten sich endlose Mangrovenwälder bis zum Horizont aus. Mit ihren dünnen Wurzelbeinchen stehen sie da wie wasserscheue Spinnen.

Mehrere lange Brücken verbinden die Einzelteile der langestreckten Inselkette. Eine endlose Kolonne von Autos fährt in dieselbe Richtung wie wir. Die Häuser entlang der Straße sind adrett und gut in Schuss. Viele stehen auf Stelzen, um den Hurricanes besser widerstehen zu können. Auf Baustellen sehen wir, dass mit Betonsteinen gebaut wird statt wie in Amerika üblich Holzkonstruktionen zu errichten (die nach einem Wirbelsturm nur noch als Brennholz taugen).

Bei einem Restaurant vor der ersten Brücke machen wir kurz Rast. Es scheint ein bevorzugtes Ziel für Biker zu sein. Der Strand bietet Karibikfeeling pur. Das ist Urlaub!

Die Strecke zieht sich. Es sind fast überall nur 45 Meilen pro Stunde erlaubt (ca 72km/h), manchmal sind es auch 55 Meilen (880km/h). Das Positive ist: so hat man mehr Zeit, die Gegend auf sich wirken zu lassen.

Mehrfach versuchen wir, Andreas per Funk zu erreichen, aber die Reichweite der kleinen Geräte ist zu begrenzt. Auf einmal ruft er an. Ich frage, ob er schon da sei. Nein, sagt er, er hätte das Motel nicht gefunden und sei nach dem Städtchen Marathon (unserem heutigen Ziel) auf eine weitere lange Brücke geraten, auf der kein Umkehren vor der nächsten (ziemlich weit entfernten) Insel möglich sei.

Captain Pip’s Hideaway (so heißt unsere Residenz für die kommenden drei Tage) ist wirklich schwer zu finden. Der Name „Hideaway“ („Versteck“) ist bestimmt mit Bedacht gewählt. Das Navi schreit, dass wir da sind, aber ich kann es nicht finden. So gehe ich zu der kleinen Hütte am Kai fragen, an der man Schnorcheltouren anbietet. Die freundliche Dame deutet auf die strohgedeckte Imbissbude daneben und meint, dahinter sei die Rezeption.

Diese enpuppt sich als Container, in dem uns zwei gut gelaunte Damen empfangen. Judy trägt dem Anlass angemessen ein blinkendes Rentiergeweih aus Stoff am Kopf. Das macht die geschäftliche Unterhaltung gleich stilvoller. Ich kriege die Schlüssel für die 3 Apartments. In der Zwischenzeit ist auch Andreas wieder da und so beziehen wir unsere Quartiere.

Die Anlage liegt direkt am Meer (aber ohne Badestrand, sondern es gibt Molen für Boote). Es ist eine Ansammlung eingeschoßiger Gebäude. Im Erdgeschoss finden sich je 4 kleine Einzimmerapartments, im Obergeschoß geräumige Einheiten mit Küche, Wohnzimmer und getrenntem Schlafraum. Wir finden es sehr luxuriös.

Nach der langen Fahrt sind wir alle sehr hungrig. Wir fahren in einen Supermarkt und kaufen für Nachtmahl und Frühstück ein. Daheim versammeln wir uns alle in unserer Küche. Die Mädels schnippeln Gemüse klein und kochen Nudeln. Andreas hat kleine Würstchen in Backteig gekauft, die wir hungrig in uns hineinstopfen und vor denen uns danach noch lange graust. Ich habe eine Flasche Melonensaft gekauft, der so schmeckt wie jeder Saft hier: Eiskalt und süß. Von einer Melone schmecke ich nichts.

Die Spaghetti schmecken köstlich. Als Nachtisch gibt es noch Eggnog, eine Art alkoholfreien Eierlikör mit Vanillegeschmack. Wir wollen noch Pläne für die kommenden Tage machen, aber wir sind allesamt einfach zu müde. So verabreden wir uns zum gemeinsamen Frühstück bei uns und um acht plumpse ich zufrieden ins Bett.

Miami Vice

Im ersten Stock eines offenen Doppeldeckerbusses erkunden wir die Stadt. Das Wetter ist perfekt, die Sonne strahlt vom Himmel, aber es ist trotzdem nicht heiß. Bei der Abfahrt zieht ein großer Raubvogel (vielleicht ein Adler?) über uns seine Kreise und nutzt den an den Häusern entstehenden Aufwind.

Die erste Runde, die fast 2 Stunden dauert, führt uns durch Miami Beach. Hier stehen wunderschöne Art Deco Häuser aus den 1920ern. Die Gebäude sind denkmalgeschützt, die Fassade darf nicht verändert werden. Bei Umbauarbeiten bleibt also die Hülle stehen und wird durch ein neues Innenleben ergänzt. Das hat auch überraschende Nebeneffekte: Mit der Fassade müssen folglich auch die Namen der alten Hotels erhalten bleiben. So steht zum Beispiel beim Walgreens Supermarkt „Ritz Carlton Hotel“. Das gilt aber nur für einen kleinen Bereich der Stadt. Überall sonst müssen alte Gebäude den neuen weichen und werden ohne Sentimentalität abgerissen. Wir sehen sogar die Überreste einer Methodistenkirche, hinter der schon eifrig gebaut wir.

Miami Beach atmet (zumindest für amerikanische Verhältnisse) Geschichte. Wir erfahren unter Anderem, dass hier Elvis Presley und Frank Sinatra aufgetreten sind oder dass Jennifer Lopez hier ihren ersten Mann kennengelernt hat.

Miami hat sich erst vor einem guten Jahrhundert entwickelt. 1896, in dem Jahr, als meine Urgroßmutter zur Welt kam, wurde es mit knapp 300 Einwohnern zur Stadt erklärt. Bewohnt wurde die Gegend natürlich schon zuvor von Indianern, denen die Stadt auch ihren Namen verdankt: „Mayaimi“ bedeutet in ihrer Sprache „das große Wasser“.

Es ist einer Frau namens Julia deForest Tutte zu verdanken, dass die Stadt zu dem wurde, was sie heute ist. Sie überzeugte Henry Morrison Flagler, einen der damals tonangebenden Eisenbahntycoons, eine Banhstrecke in das damalige Brachland in Florida zu bauen. Der Legende zufolge tat sie das, indem sie ihm mitten im Winter eine frische Orangenblüte schickte. Eine ebenfalls beigefügte Schenkungsurkunde über 30.000 Hektar Land mag das ihrige dazu beigtragen haben.

Der erste Versuch, ein Geschäft mit dem Land zu machen, hat mit Avocados zu tun. Einer der Geschäftsleute hatte die Idee, Avocadobäume zu pflanzen. Leider wurden diese immer wieder von den heftigen Stürmen geknickt. So kam man auf die Idee, Pinien aus Australien zu importieren und sie als Windschutz aufzustellen. Das funktionierte perfekt. Heute erinnert noch der „Pine Drive“ an diese Zeit.

Überhaupt nahm man es damals mit ortsfremden Pflanzen offenbar nicht so genau. Auch die Palmen, die nicht nur in meiner Vorstellung untrennbar zu Miami gehören, stammen ursrprünglich aus Ägypten. Die Geisteshaltung hat sich inzwischen deutlich geändert. Bei der Einreise mahnen Warnschilder die Passagiere eindringlich, sein Gepäck auf mitgebrachte Pflanzen oder pflanzliche Produkte zu überprüfen und im Falle des Falles mit einem „agricultural officer“ Kontakt aufzunehmen.

In Österreich würden wir stattdessen „Bauer mit Uniform“ sagen.

Leider waren Avocados zu jener Zeit kein gutes Geschäft. Aber auch dafür fand sich eine Lösung: der gute Mann gab die Früchte als Krokodileier aus uns schon boomten die Verkäufe…

Dass auch heute noch das große Geld in Miami zuhause ist, sehen wir unterwegs auch. Auf der anderen Seite eines schmalen Kanals stehen beeindruckende Villen. Sänger wie Justin Bieber oder (eher unsere Geration) Julio Iglesias besitzen hier Anwesen. Auch Sportler wie André Agassi oder bekannte Schauspieler wohnen hier. Der Onkel von Elizabeth Tayloer besaß hier ebenso ein Gebäude wie der berüchtigte Al Capone. Die Villa von Iglesias ist übrigens leicht an ihren Orangen Fassadenteilen zu erkennen. Eins der Häuser gefällt unserem Tourguide besonders: Sie besitzt eine Rutsche, die direkt vom Schlafzimmer in den Pool führt. Ich bin schon am Planen für daheim…

Eine lange Brücke verbindet die vorgelagerte Insel Miami Beach mit dem Festland. Hier weht uns die kräftige Meeresbrise ungebremst von Gebäuden um die Ohren. Lukis Haare wehen beeindruckend im Wind.

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Auf unserer Fahrt kommen wir in den Stadtteil Wynwood. Er ist bekannt für seine aktive Kunstszene. In den 1980ern begannen hier Straßenkünstler, leerstehende Gebäude mit Sprayfarben zu bemalen. Heute ist daraus eine feste Einrichtung geworden, jedes Jahr kommen international bekannte Fassadenmaler und erschaffen neue Werke. Die Bilder sind wirklich prächtig gelungen. Der Platz auf dieser Webseite reicht nicht einmal annähernd aus, um alle zu zeigen, die mir so gut gefallen haben.

Von den Wohngebieten mit den alten einstöckigen Häusern biegt der Bus ab zur neuen Skyline mit den vielen neu gebauten Wolkenkratzern. Die Aussicht in den Apartment muss atemberaubend sein, genau so wie die Preise dafür. Der Tourguide erzählt von einem der Penthäuser, in denen der Quadratfuß (also etwa 1/10 Quadratmeter) knapp 15.000 Dollar kostet. Überall wird gebaut. Die lange Reihe blitzender Fassaden erinnert mich an die Eiswand in „Game of Thrones“.

Gegensätze prägen die Stadt. Einerseits durchschneiden breite Autobahnen das Wohngebiet, andererseits gibt es eine Hochbahn mit führerlosen Kabinen, die man gratis benutzen kann. Einerseits ist das Automobil allgegenwärtig, andererseits werden hier mehr Elektroautos als sonstwo in den USA gekauft. Einerseits wachsen überall für Normalbürger unbezahlbare neue Apartments aus dem Boden, andererseits schlafen in Sichtweite von Luxusgeschäften Menschen in schmutzige Decken gehüllt am Boden, die meisten von ihnen sind schwarz.

Mittagspause machen wir an der Bayfront. An der Einfahrt zum Park begrüßt uns ein überdimensionaler Christbaum, der für unsere Augen in der Wärme sehr deplaziert wirkt. Dahinter befindet sich ein Hafen für unzählige Segelboote und der Ausgangspunkt für Rundfahrten mit dem Boot. In der Ferne können wir die riesigen Kräne des Containerhafens sehen. Es war hier, wo in der TV-Serie „Miami Vice“ Sunny Crocket auf einem Boot gemeinsam mit seinem Alligator Elvis gelebt hat.

Am Pier hat man ein langgestrecktes Einkaufszentrum mit unzähligen Geschäften für Touristen errichtet. Wir nehmen einen kleinen Imbiss und spazieren durch die Mall.  Kerstin entdeckt einen Disney Store und hat Spaß darin.

An einer Stelle am Pier kann man ein Küberl mit Fischen kaufen, mit denen man dann beeindruckend große Tarpone füttern kann (das sind Fische, die 80 Jahre alt und zweieinhalb Meter lang werden können). Zuerst glauben wir, dass diese Tiere hier gefangen gehalten werden, aber sie kommen freiwillig, weil sie von den Touristen so gut mit Futter versorgt werden.

Kira ist begeistert. Sie füttert die großen Fische und streichelt sie sogar ganz kurz. Ich habe beschlossen, nur Tiere mit Fell zu streicheln und so verzichte ich darauf.

Ein Pelikan schwimmt wenige Meter daneben vorbei und bleibt von unserer Begeisterung vollkommen unbeeindruckt.

Im zweiten Teil unserer Rundfahrt sehen wir uns die Innenstadt von Miami an. Hier steht die alte Freedom Hall, ein Haus mit einem hübschen mehrgeschoßigen Turm. Das Gebäude war das erste Hochhaus der Stadt. Heute wirkt es fast winzig vor den blitzenden neu errichteten Wohntürmen, die es von allen Seiten umschließen.

Mir fällt auf, dass die allgegenwärtige amerikanische Flagge an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast weht. Das sei wegen des unlängst verstorbenen Präsidenten George Bush Senior der Fall, erklärt der Tourguide, es herrsche 30 Tage Staatstrauer.

Auch in diesem Teil der Stadt gibt es mit dem Coconut Grove eine sehr exklusive Wohngegend. Beeindruckende Villen mit ebenso beeindruckenden Auffahrten säumen die Straße, die von großen alten Bäumen begrenzt wird. Diese Bäume machen diesen Teil der Fahrt spannend: Die Äste hängen tief und nicht nur einmal werden wir von den Blättern gestreift. Aufzustehen, um ein Foto zu schießen, ist undenkbar, das wäre tatsächlich lebensgefährlich. So ducken wir uns jedesmal reflexartig, wenn wir wieder unter einem Baum durchfahren und hören die Äste knapp über unsere Köpfe durch die Luft zischen. Der jungen Frau neben uns gefällt das königlich und sie lacht von Herzen. Ich ducke mich lieber. Lachen tu ich dann später.

Die Fahrt führt uns auch nach Little Havanna. In Miami leben rund 2 Millionen Menschen kubanischer Abstammung. Spanisch hört man an jeder Ecke. Der Freedom Tower heißt deshalb so, weil nach der Kubakrise tausende geflüchtete Menschen hier bei der Einreise in die USA registiert wurden.

Wir sehen dutzende etwa mannshohe Figuren von Hähnen, die unterschiedlich bemalt und ausgestattet an verschieden Stellen von Little Havanna stehen. An der Endstation der Bustour laufen sogar ein paar lebendige Hühner frei herum. Leider erfahren wir nicht, was es genau damit auf sich hat.

Das Lebensgefühl in diesem Stadtteil scheint entspannt zu sein. Wir sehen einen Platz mit vielen Tischen, an denen die Menschen miteinander Domino spielen. Leider fehlt uns die Zeit für einen ausgedehnten Bummel durch Little Havanna und wir lassen uns vom Bus wieder nach Miami Beach bringen.

Auf der Brücke sehen wir zu unserer Rechten den Hafen mit den Kreuzfahrtschiffen. Hier arbeiten 50.000 Menschen, wie uns der Guide erklärt. Die Schiffe sind unsympathisch groß, fast wie die Hochhäuser von vorhin. Schwimmende Städte mit mehr Menschen an Bord als eine österreichische Kleinstadt Einwohner hat. Angeblich, so unser Guide, läuft das Geschäft mit den Kreuzfahrten nicht mehr so gut wie früher und man hat gute Chancen auf ein Schnäppchen.

Ein Schwarm von zwei Dutzend Pelikanen zieht in V-Formation über unsere Köpfe.

Nur ein kurzes Stück vom Hotel entfernt verlassen wir den Rundfahrtbus. Zunächst wollen wir einander noch zum Abendessen treffen, aber dann sind wir allesamt doch zu müde.

20181222_Selfie_MiamiDer Tag war anstrengend, Wind und Sonne haben uns ausgetrocknet und die Anreise steckt uns wohl auch noch in den Knochen. So ordne ich lieber noch die knapp 500(!) Fotos, die ich heute geschossen habe, klopfe meine Erinnerungen an den Tag in den Computer und werde mich am Abend meiner Reiselektüre widmen.

Miami Beach

Nach drei weiteren Stunden Flug landen wir in Miami.

Die Stadt wirkt beeindruckend in der Nacht. Ein Lichtermeer breitet sich unter uns aus. Am Flughafen erwartet uns schon ein Fahrer. Mit einer Art Limousine, die mehr schlecht als recht für die gebuchten 6 Passagiere geeignet ist, bringt er uns ins Hotel. Ganz sicher ist er sich nicht wegen der Adresse. Ich sage sie ihm: 436 Ocean Drive. Von dem Moment an murmelt er bis zur Ankunft ununterbrochen: „Fourhundredthirtysix, fourhundredthirtisix, …“.

Der junge Nachtportier tritt aus dem Haus. „Ihr seid spät“, begrüßt er uns freundlich. „Oder sehr früh“, antworte ich. „Ich bin sicher, wir sind die ersten Gäste, die heute anreisen“. Er lacht.

Das Hotel als Luxusherberge zu bezeichnen wäre übertrieben. Die Zimmer sind… zweckmäßig. Ja, das trifft es. Ein schmaler Schrank mit einem geräumigen Safe, in dem auch der Laptop Platz findet, ein kleines Tischchen, ein Bett mit erstaunlich guter Matratze. Bad mit Dusche und WC. Eine Klimanlage gibt es auch, aber wir brauchen sie zur Zeit nicht. Was das Zimmer ein wenig traurig wirken lässt, ist der unheimlich hässliche Steinboden. Es erinnert uns an die billigen Hotelzimmer in Bibione aus unserer Jugendzeit.

Nach einer erholsamen Nacht treffen wir uns zum Frühstück. Ein angenehmer Tag mit wolkenlosem Himmel begrüßt uns. Der Portier sieht mich zweifelnd an, weil ich statt einer Jacke nur im T-Shirt nach draußen gehe. „You may be underdressed“, meint er.

Zum Hotel gehört eine Pizzeria, in der gibt es ein kleines Buffet. Toastbrot, Butter, Erdbeermarmelade, Bananen, Honey Loops. Gegen Aufpreis könnten wir auch noch Eier und Speck haben, das mag aber heute keiner. Der Kaffee ist für österreichische Verhältnisse eher dünn, aber dafür lässt er sich in großen Mengen trinken, ohne dass man einen Herzkasperl befürchten muss.

Wir sind alle gut ausgeruht und machen einen kleinen Spaziergang an den Strand. Laute Geräusche locken uns zurück zur Straße. Mit Rot- und Blaulicht und heulenden Sirenen fahren Polizei und Feuerwehr die Promenade hinunter. Aber nicht zu einem Einsatz, sondern alle tragen rote Weihnachtsmützen mit Bommel und winken fröhlich. Amerikaner halt.

Wir beschließen, eine Tour mit einem Hop-on-hop-off Bus zu machen und ziehen los.

Jetzt geht’s loooos!

Er ist weg!

Eigentlich sind sie beide verschwunden. In Luft aufgelöst. Einfach so.

Dabei standen wir gerade noch alle sechs in der Warteschlange vor dem Gate. Ich war kurz abgelenkt und im Rüssel zum Flugzeug fällt mir auf: Andreas und Lukas sind nicht mehr da.

Wir suchen unsere Plätze, ganz hinten in der Boeing 777, dort wo am Fenster nur noch 2 statt drei Sitze sind. Gleich vor der Toilette, was gleichzeitig praktisch und informativ ist. Man braucht erstens nicht lange anstehen und sieht zweitens, wer alles mitfliegt. Irgendwann kommen sie alle vorbei.

Nur Andreas und Lukas nicht.

Kerstin telefoniert. Sie sagt uns, die beiden hätten nochmal zur Sicherheitskontrolle müssen. Es wird noch dauern. Wir rätseln, was sie wohl angestellt haben. Der Kapitän macht eine Durchsage und klärt uns auf. Die amerikanischen Behörden verlangen hin und wieder eine Sonderprüfung und diesmal hätte es leider uns erwischt.

Etwa 20 Minuten nach der geplanten Abflugzeit kommen die beiden endlich. Ich hatte mich schon gefreut, dass ich heute drei Menüs essen darf, aber so…

Das Flugzeug rollt los und wird von lustigen Kranwägen in eine stimmungsvolle Dampfwolke aus Enteisungsmittel gehüllt. Mit fast eineinhalb Stunden Verspätung heben wir ab. Das ist uns aber egal, weil wir in Chicago eh über acht Stunden Aufenthalt haben.

An Bord gucken wir Filme, lesen, füllen das Zollformular aus und lassen es uns so richtig gut gehen. Langsam fällt der Stress von uns ab. Doris und ich mussten am Donnerstag noch bis kurz vor der Abfahrt arbeiten. Ich war am Mittwoch sogar noch in Wien bei einem wichtigen Kundentermin, bei dem es um eine für das Projekt bedeutende Teilabnahme ging (Spoiler: gelungen!). Davor vier Wochen mit täglich je 12 Stunden oder mehr hochkonzentrierter Arbeit – das liegt nun alles hinter uns.

Die zähe Wolkendecke lockert erst ab Grönland auf. Im fahlen Licht der kraftlosen Wintersonne erkennen wir Gletscher und tief verschneite bizarre Bergketten. Ich habe meine Uhr schon auf die Zeit in Florida umgestellt. Dort ist es gerade 09:00 Uhr, daheim 15:00 Uhr. Hier in Grönland wird es wohl irgendwas dazwischen sein.

Wir sind schon am Vorabend des Fluges angereist. Unser Schwager Günther hat uns mit seinem VW Bus zum Murpark in Graz gebracht, wo wir mit dem Flixbus nach Wien gezuckelt sind. Komisch, dass es draußen schon so finster ist, als wir am Flughafen ankommen. Normalerweise fliegen wir im Sommer und da heizt um diese Tageszeit die Sonne noch hoch vom Himmel. Heute dagegen ist es feuchtkalt, vereinzelt fallen kleine Flocken. Ein unangenehm schneidender Wind bläst.

Die Kälte kann mir nichts anhaben. Ich habe mir über Kickstarter eine spezielle Fleecejacke mit 25 Funktionen gekauft. Sie hat unzählige Fächer und Taschen. In den Ärmeln sind kleine Handschuhe versteckt (sie lassen die Finger frei), in der Kapuze stecken ein aufblasbares Nackenhörnchen und eine Schlafmaske, die die Augen bedeckt, falls man sich ein wenig ausruhen möchte. Natürlich sind auch Ohrstöpsel und eine kleine Decke in eigenen Fächern versteckt. Der Bieröffner in der rechten Außentasche ist gleichzeitig eine Signalpfeife und der Griff des Reißverschlusses ist auch ein Kugelschreiber. Die aufblasbaren Fußrast habe ich daheim gelassen. Die weiche Trinkflasche (eine Art Sackerl mit Verschluss wird mir noch gute Dienste leisten.

Beim Aussteigen in Wien habe ich den Kugelschreiber verloren und werde die Reise mit einer Jacke mit nur noch 24 Spezialfunktionen antreten müssen.

Wir schlafen im Moxy Hotel direkt am Flughafen, knapp 5 Gehminuten vom Terminal. Es ist die junge Schiene der Marriot Hotels, sehr hip, sehr trendy. Wo in anderen Marriot Hotels der Concierge die Gäste empfängt, stehen hier lauter junge Leute hinter dem Tresen und sprechen die Kunden gleich mit „Du“ an. Der kleine weiße Christbaum ist mit Plastikflamingos dekoriert, was Kira und Kerstin sehr freut. Die Einrichtung ist pberhaupt sehr stylisch. Die Zimmer sind sauber, aber winzig; der Flatscreen hat fast dieselbe Fläche wie der Rest des Raumes. Für ein Regal hat es nicht mehr gereicht, aber das brauchen die jungen Hipsters auf Urlaub wahrscheinlich gar nicht.

Wir lassen das Handgepäck am Zimmer und marschieren noch am Vorabend des Fluges zum Check-In. Wie wir am nächsten Morgen merken, war das eine gute Idee, weil wir ohne Wartezeit ruckzuck dran kommen und weil wir zu sechst sind auch etwas länger brauchen; am Morgen stehen lange Schlangen vor den Schaltern. Danach noch ein kleiner Snack beim Burger King, schnell noch zwei Bücher gekauft und dann ab ins Bett.

Um fünf Uhr früh werden wir wach. Der Gast im Nebenzimmer hat wohl einen Frühflug gebucht. Damit er munter wird, spielt er lautstark Musik. Es funktioniert prächtig, zumindest bei Doris und mir.

Im Moxy Hotel bieten sie ein einfaches Frühstück ohne erkennbaren Charme. Wir spazieren lieber ins NH Hotel, das natürlich eine viel elegantere Atmosphäre bietet. Doris lädt uns zum Frühstück ein. Wie prächtig das Büffet aussieht! Was es da alles gibt! Das obligate Müsli, frische Früchte, verschiedenste Sorten Käse, Schinken, ja sogar Weißwurst! Kira hat großen Spaß damit, sich von einer Pfannkuchenmaschine eine Portion machen zu lassen. Nur Kerstin tut mir ein wenig leid, sie mag so früh noch nichts essen und trinkt nur einen Kaffee. Was für eine Verschwendung!

Der Check-in gestaltet sich erfreulich unkompliziert. Gepäck haben wir schließlich keins mehr dabei, wir gehen direkt zur Sicherheitsschleuse und nach der Passkontrolle weiter zum Gate G11, Austrian Flug OS065 nach Chicago. Über Lautsprecher preist man Upgrades auf Business an. Das interessiert mich und ich gehe fragen. Die elegante Dame am Schalter lässt nicht mit sich handeln, sondern bietet mir einen Fixpreis: 900 Euro. Nicht für alle sechs, sondern pro Nase. Ich rechne kurz im Kopf: 900 mal 6, das wären…

So reisen wir eben in der Economy Klasse am Fensterplatz und genießen die Aussicht. Jetzt sind wir schon acht Stunden auf Achse, fünf davon in der Luft. Um 14:30 Lokalzeit (das ist bei uns daheim 21:30) landen wir auf amerikanischem Boden.

In Chicago erwartet uns trübes Wetter. Die Einreise dauert endlos. Erst stehen wir in einer langen Schlange bei den Immigration officers an. Ich unterhalte mich mit einem netten Herren, der gerade von einer Dienstreise heimkommt und der öfters bei den Steyr Traktoren zu tun hat. An einem Automat wird der Pass gecheckt, die Fingerabdrücke genommen und ein Foto gemacht. Das Gerät spuckt einen Papierstreifen aus, auf dem die Daten samt Bild stehen. Von Kerstin sieht man nur den Teil ab der Nase abwärts. Dann müssen wir an einem Beamten vorbei, der uns fragt woher, wohin, warum, wie lange, was wir arbeiten und so weiter. Dann noch die Koffer vom Band holen, an einem weiteren Zollofficer vorbei und dann sind wir endlich im gelobten Land!

Aber noch ist es nicht vorbei.

Gleich nach der Zollkontrolle geben wir unser Gepäck wieder ab und besteigen einen kleinen Zug zum Terminal 1. Dort stehen wir zur Abwechslung eine weitere gute halbe Stunde in einer Schlange bei der Sicherheitskontrolle. Diese hier ist besonders gründlich. Wir müssen sogar die Schuhe ausziehen. In der Gesäßtasche meiner Jeans habe ich einen Zettel. „Sir, was haben Sie da? Nehmen sie das raus und halten Sie es in der Hand!“. Dann muss ich sogar in einen Körperscanner und man nimmt eine Wischprobe von meinen Händen. Das Lämpchen leuchtet grün und ich darf rein.

Am Gate suchen wir uns einen Sitzplatz und holen uns was zu essen. Vierzehn Stunden sind wir nun schon auf Achse. Langsam werden wir müde…