Jimbo lacht, als er vom kleinen Bär erzählt. Hier auf diesem Baum sieht man noch deutlich die Kratzspuren seiner Krallen, fast bis hinauf zum Wipfel reichen sie. „Wenn Dich ein Schwarzbär verfolgt, flüchte lieber nicht auf einen Baum“, sagt er und lacht wieder.
Jimbo ist unser Fahrer/Tourguide im Swamp Buggy. Sein freundliches Gesicht hat eine rotbraun gegerbte Farbe. Er erzählt von der Python, die man 2011 hier gefangen hat. Sechs Meter lang war sie. In ihrem Bauch fand man ein komplettes Reh, 45 Pfund schwer. Das sei das Problem, sagt Jimbo, die fressen alles, haben aber selbst keine natürlichen Feinde, weil sie hier nicht heimisch sind. Man hat die Herkunft der gefangenen Riesenschlange bis zu einer Schlangenfarm zurückverfolgt, die die Tiere an Privatleute weiterverkauft. Wenn sie denen zu groß werden, lassen sie sie häufig einfach in den Everglades frei.
Der Bedrohung durch artfremde Tiere ist kaum beizukommen. Im Everglades Naturpark sind überhaupt keine Fahrzeuge erlaubt und zu Fuß hat man in dem rund 1 Million großen Dickicht so gut wie keine Chance. Bei den Pythons bilden vor allem die Weibchen die größte Bedrohung. Zweimal im Jahr legen sie etwa 60 Eier.
Man hat einen schlauen Weg gefunden, sie zu finden. Man stattet Pythonmännchen mit Funkchips aus, mit denen man sie orten kann. Sobald zwei oder mehr Männchen an einem Punkt zusammenkommen, weiß man, dass sich dort ein paarungsbereites Weibchen befinden muss.
Der Swamp Buggy ist eine Art Geländefahrzeug auf hohen Beinen. Wir befinden uns im Cypress National Park, in dem Fahrzeuge erlaubt sind. Die halbstündige Tour führt uns zunächst durch schilfbestandenes Wasser. Jimbo weist uns auf ein paar Palmen in der Ferne hin. Das sei eine Insel, sagt er. Dort rasten die Tiere im Trockenen.
Die Tierwelt ist erstaunlich vielfältig. Neben Wasserbewohnern findet man hier sogar Rehe, Bären und braune Panther.
Die Fahrt geht weiter durch einen Pinienwald. Hier ist im Sommer alles überschwemmt. Wo wir jetzt das Farn am Boden sehen, schwimmen in einem halben Jahr Fische. Auf den Ästen wachsen Bromelien, die man bei uns in den Baumärkten zu kaufen bekommt. Sie lassen sich nicht züchten, sondern werden von den Bäumen gepflückt.
Eine Schlingpflanze rankt sich um ihren Wirtsbaum wie die Riesenschlange aus der Erzählung vorhin.
Jimbo weist uns auf einen Baum hin, dessen bodennaher Seitenast parallel zum Stamm wächst. Das haben die hier ansässigen Indianerstämme früher als Wegweiser gemacht. Man hat den untersten Ast mit Erde überdeckt, woraufhin er senkrecht nach oben zu wachsen begann. So fanden die Indianer von Signalbaum zu Signalbaum ihren Weg.
Jimbo zeigt uns eine Jagdhütte der Indianer, die mit Schilf gedeckt ist. Im Wald sehen wir auch einen Jagdunterstand der weißen Krokodiljäger. Die Tiere wurden bis in die 60er Jahre bejagt und beinahe ausgerottet. Seit damals stehen sie in der Wildnis unter strengem Schutz und dürfen nur noch in Alligatorenfarmen zur Nutzung von Leder und Fleisch gezüchtet werden. Es gab sogar Auflagen, dass ein gewisser Prozentsatz an Tieren ausgewildert werden muss. So hat sich der Bestand wieder erholt.
In einem Gehege am Ende der Tour sehen wir einen massigen Alligator. Das war das Haustier einen von Jimbos Kollegen, der damit in die Schulen ging und jungen Leuten die Tiere näherbrachte. Der Kapitän ist vor ein paar Jahren gestorben, seither lebt das Tier hier bei Jimbo. Man kann es nicht mehr auswildern, weil es die Scheu vor Menschen verloren hat.
Man warnt uns ausdrücklich davor, Krokodile zu füttern. Sobald man das einmal macht, assoziieren sie Menschen mit Futter und werden zur Gefahr. Sie kommen dann näher und erwarten, dass man Futter für sie dabei hat. Falls nicht, wird man eben selbst zum Krokodilfutter…
Jimbo lacht herzlich, als er uns von jenem Touristenführer erzählt, der ein Krokodil durch Schlagen mit der flachen Hand auf die Wasseroberfläche anlockte. Das Krokodil kam und riss ihm die Hand ab – direkt vor zwei vollbesetzten Touristenbooten. Zu allem Überfluss musste der arme Mann auch noch ins Gefängnis, weil er gegen das Fütterungsverbot verstoßen hatte. „Ich denke, er hat seine Lektion gelernt“, gluckst Jimbo.
Der Ausgangspunkt der Tour liegt an dem langen Kanal, der sich entlang der Straße erstreckt. Im Gewirr der Wasserwege ist er auf verschlungenen Pfaden mit dem Meer verbunden. Die Oberfläche kräuselt sich. Ein Krokodil? „Look, a manatee!“, ruft Jimbo. Eine Seekuh mit ihrem Jungen ist vor dem kalten winterlichen Ozean ins Hinterland geflüchtet. Ab und zu sieht man ihre Nasenlöcher kurz an der Oberfläche, bevor sie wieder abtaucht und am Boden grast. Manatees verlassen das Wasser Zeit ihres Lebens nie.
Nach der Tour besuchen wir noch das kleine Besucherzentrum auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Hier könnte man auch Airboat Fahrten machen, aber die Wartezeit wäre zu lang. Wir müssen heute noch weit fahren. Hinter dem Shop stehen ein paar Käfige mit Raubkatzen darin. Jimbo hat uns erzählt, dass die Tiere hier zur Pflege aufgenommen wurden, weil sich ihre vorherigen Besitzer von ihnen trennen wollten oder mussten.
Artgerechte Haltung ist anders. Betonboden, Maschendrahtzaun. Die Katzen können sich zumindest ein paar Schritte bewegen. In einem Käfig humpelt ein Panther. Seine rechte Vorderpfote bereitet ihm sichtlich Schmerzen. Er blickt mich mit seinen bernsteinfarbenen Augen an und maunzt kläglich wie eine kleine Katze.
Im Käfig daneben sind zwei sibirische Tiger, ein weißer und ein oranger. Im dritten Käfig liegt ein Löwe und ignoriert uns mit aristokratischer Würde.
Mir fällt Rilkes‘ „Der Panther“ ein:
Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
so müd‘ geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.